Rechtliche Verfolgung der Täter

Von links nach rechts: Major Eugene S. Cohen, Lieutenant Jack H. Taylor und Jack R. Nowitz. Der US-Geheimagent Jack Taylor war selbst über mehrere Wochen im KZ Mauthausen inhaftiert und verfasste nach seiner Befreiung darüber einen umfassenden Bericht. Jack Nowitz fungierte als Übersetzer und Beisitzer bei Zeugenbefragungen. (Foto: US Signal Corps Foto, Courtesy of NARA)Von links nach rechts: Major Eugene S. Cohen, Lieutenant Jack H. Taylor und Jack R. Nowitz. Der US-Geheimagent Jack Taylor war selbst über mehrere Wochen im KZ Mauthausen inhaftiert und verfasste nach seiner Befreiung darüber einen umfassenden Bericht. Jack Nowitz fungierte als Übersetzer und Beisitzer bei Zeugenbefragungen. (Foto: US Signal Corps Foto, Courtesy of NARA)Als sich die Hinweise auf die Massenvernichtung von Häftlingen in den Konzentrationslagern verdichteten, begannen sich die Ermittlungen der alliierten Militärbehörden zunehmend auch auf die in den KZ begangenen Kriegsverbrechen zu richten. Hauptanliegen war in diesem Zusammenhang die Aufnahme von konkretem Beweismaterial in Hinblick auf kommende Gerichtsprozesse gegen die Täter.

In den befreiten Lagern Gusen und Mauthausen sammelte ein Ermittlungsteam der War Crimes Commission der 3. US-Armee, geleitet von Major Eugene S. Cohen, zwischen 6. Mai und 15. Juni 1945 eine Fülle an Beweismaterial. Das Ergebnis war ein Dossier, das neben vor Ort durchgeführten Zeugeneinvernahmen auch eine umfangreiche Liste von Namen und Daten von SS-Angehörigen sowie Fotos vom Lager und dort zur Anwendung gekommenen Folterinstrumenten beinhaltet. Der sogenannte Cohen Report wurde im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess als Beweismittel eingesetzt und bildete auch die Grundlage für den ersten Mauthausen-Prozess vor einem US Militärgericht in Dachau im Frühjahr 1946.

Zentral für die Sammlung von Beweismaterial war die Mithilfe ehemaliger Häftlingsfunktionäre, die unter Einsatz ihres Lebens in den letzten Tagen der SS-Herrschaft wichtige Dokumente vor der Vernichtung bewahrten. Eines der bedeutendsten erhaltenen Dokumente für die rechtliche Verfolgung der in Gusen begangenen Verbrechen war das –vom Standortarzt in Mauthausen geführte und dort sichergestellte – Totenbuch des Außenlagers Gusen.

Exkurs: Die Gefangennahme und Einvernahme von Ziereis

Einvernahme des Mauthausener Lagerkommandanten Ziereis, 23./24. Mai 1945; die fotografische Dokumentation der Einvernahme des Mauthausener Lagerkommandanten stammt vom ehemaligen spanischen Häftling Francisco Boix, der vor allem in Mauthausen zahlreiche Fotos anfertigte, welche die Zustände im Lager nach der Befreiung festhielten. (Foto: Museu d’Història de Catalunya, Barcelona: Fons Amical de Mauthausen)Einvernahme des Mauthausener Lagerkommandanten Ziereis, 23./24. Mai 1945; die fotografische Dokumentation der Einvernahme des Mauthausener Lagerkommandanten stammt vom ehemaligen spanischen Häftling Francisco Boix, der vor allem in Mauthausen zahlreiche Fotos anfertigte, welche die Zustände im Lager nach der Befreiung festhielten. (Foto: Museu d’Història de Catalunya, Barcelona: Fons Amical de Mauthausen)Am Morgen des 3. Mai verließ Franz Ziereis, Kommandant des Konzentrationslagers Mauthausen und als solcher in letzter Instanz auch Befehlshaber über das Lager Gusen, mit seiner Frau Ida und drei Kindern Mauthausen, um in seiner Jagdhütte in Spital am Phyrn vor den alliierten Truppen unterzutauchen. Knapp drei Wochen später, am 23. Mai, wurde er von einer Patrouille der US-Armee in Begleitung ehemaliger Häftlinge gestellt und bei einem Fluchtversuch angeschossen. Schwer verwundet wurde Ziereis in das in den ehemaligen SS-Baracken in Gusen eingerichtete amerikanische 131st Evacuation Hospital gebracht und dort mehrere Stunden lang von Angehörigen der US-Armee, darunter dem für das Lager Mauthausen zuständigen Kommandanten Colonel Richard R. Seibel, und mehreren ehemaligen Häftlingen verhört.

Am Abend des 24. Mai 1945 erlag Ziereis im Lazarett in Gusen seinen Verletzungen. Die Originalniederschrift des Verhörs wurde Colonel Seibel übergeben und diente als Beweisstück in nachfolgenden Kriegsverbrecherprozessen. Von den anwesenden ehemaligen Häftlingen wurden darüber hinaus weitere Niederschriften angefertigt, sodass mehrere Versionen in Umlauf kamen, die jedoch alle dem Inhalt nach weitestgehend ident sind.