Das System der Funktionshäftlinge

Die SS griff auf sogenannte Funktionshäftlinge als Durchsetzungsinstanz ihrer Macht gegenüber der Masse der Häftlinge zurück. Die in der Verwaltung oder als Bewacher eingesetzten „Funktionäre“ waren jeweils den ihnen übergeordneten Funktionshäftlingen sowie einem Organ innerhalb der SS-Verwaltung verpflichtet. 
Jedes der drei Gusener Lager hatte ebenso wie das Lager für sowjetische Kriegsgefangene seinen eigenen Funktionärsapparat. An dessen Spitze stand der Lagerälteste, ihm untergeordnet waren die Blockältesten, die Stubenältesten sowie die Stubendienste. 

Der Lagerschreiber und die ihm unterstellten Blockschreiber waren auf SS-Seite dem Rapportführer verpflichtet. Sie verwalteten die Häftlingskarteien und -bücher, bereiteten die täglichen Appelle vor und führten Buch über Zu- und Abgänge innerhalb ihres jeweiligen Verantwortungsbereichs. 

Die so genannten Oberkapos und die ihnen unterstellten Kapos bzw. Hilfskapos hatten die Aufsicht über die Häftlinge in den verschiedenen Arbeitskommandos und waren dem Arbeitskommandoführer verpflichtet. 
Die höheren Funktionen in Gusen hatten in der Regel deutsche „BV“-Häftlinge inne. Niedrigere Funktionen, wie die des Blockschreibers, des Stubenpersonals oder von Kapos in bestimmten Arbeitskommandos, wurden mit der Zeit auch Häftlingen anderer Nationen, vor allem Polen, Spaniern und sowjetischen Häftlingen übertragen. 

Funktionshäftlinge lebten zwischen den Fronten: Solange sie in der Gunst der SS standen, war ihnen ein relativ gesichertes Überleben garantiert. Gerade damit zogen sie aber häufig den Hass der übrigen Häftlinge auf sich. Funktionshäftlinge hatten wesentlichen Einfluss auf die Lebensbedingungen im Lager und konnten ihre Stellung zum Schutz der Mithäftlinge ebenso einsetzen wie zur brutalen Durchsetzung ihrer eigenen Interessen oder jener ihrer Günstlinge. 

In Überlebendenberichten wird vielen Gusener Funktionshäftlingen in der Regel kein gutes Zeugnis ausgestellt. Von den fünf nacheinander in Gusen I tätigen Lagerältesten etwa wird nur einem, Karl Rohrbacher, persönlicher Einsatz für das Wohl der Häftlinge bescheinigt. Andere, wie etwa Hans Kammerer oder der Lagerälteste von Gusen II, Johann van Loosen, waren selbst an Massenmorden beteiligt. 

Nach dem Abzug der SS und noch vor der Installierung der US-Militärverwaltung nahmen viele Befreite Rache an den Funktionshäftlingen. In der Zeit von 5. bis 6. Mai kam der lange unterdrückte Wunsch nach Vergeltung explosionsartig zum Ausbruch. Viele Funktionshäftlinge – von denen nicht alle Verbrechen gegen ihre Mithäftlinge begangen hatten – wurden in dieser Zeit von einem aufgebrachten Häftlingsmob getötet.