Open-Air-Filmretrospektive
19.08.2026, 20:30 - 22.08.2026 23:00 Uhr
Auf den Trümmern der Vergangenheit – Gesellschaft im Wandel
Wann: Mittwoch, 19. – Samstag, 22.08., jeweils ab 20:30 Uhr
Wo: KZ-Gedenkstätte Mauthausen, vor dem Besucher*innenzentrum, Erinnerungsstraße 1, 4310 Mauthausen
Ein Beitrag der Kurator*innen der Filmretrospektive, Elisabeth Streit und Tom Waibel (Österreichisches Filmmuseum)
„Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ Als Walter Benjamin 1940 seine Thesen Über den Begriff der Geschichte auf der Flucht vor den Nazis verfasste, hatten sich seine schlimmsten Befürchtungen bereits bewahrheitet. Fanatismus, Krieg, Verfolgung, Vertreibung und die Vernichtung von Menschen geißeln damals wie heute noch immer unsere Gesellschaft. 2025 haben wir uns mit den Folgen von Traumatisierungen durch die NS-Verbrechen auseinandergesetzt. Mit unserer Open-Air-Filmretrospektive Auf den Trümmern der Vergangenheit – Gesellschaft im Wandel an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen gehen wir vom 19. bis 22. August 2026 anhand von vier Filmen aus unterschiedlichen Jahrzehnten der Frage nach, wie es der Nationalsozialistischen Bewegung vor bald einem Jahrhundert gelang, die Gesellschaft zu entzweien und die ganze Welt mit in den Abgrund zu reißen. Nach dem verlorenen Krieg einigte man sich nach 1945 auf das gemeinsame Diktum: „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus.“
Aber auch diese Werte sind in den letzten Jahrzehnten brüchig geworden – von autokratischen Machthaber*innen attackiert, von gesellschaftlichen Umbrüchen unterminiert, in Social-Media-Foren verlacht und von Tech-Millionär*innen verunglimpft. Geschichte nicht als lineare Bewegung des Fortschritts zu begreifen, sondern als Ergebnis vergangener Katastrophen und als Potenzial gegenwärtigen Beharrens auf ein solidarisches Miteinander, kann Perspektiven für künftige Gesellschaften eröffnen. Wenn das Licht der Erkenntnis zu leuchten beginnt, kann wirkliches Sehen ermöglicht werden.
Programm
Mittwoch, 19. August 2026, 20:30 Uhr
Zwei Herren im Anzug
D 2018, Farbe, 139 min
Regie/Drehbuch: Josef Bierbichler; Kamera: Tom Fährmann; Schnitt: Karina Ressler; Musik: Timo Kreuser, Kofelgschroa
MIT: Josef Bierbichler, Martina Gedeck, Simon Donatz, Irm Hermann, Johan Simons, Sarah Camp, Peter Brombacher.
Bayern, Sommer 1984: Pankraz (Josef Bierbichler) und sein Sohn Semi (Simon Donatz) haben gerade Theres (Martina Gedeck), Ehefrau und Mutter, zu Grabe getragen. Nach der Trauerfeier lassen die beiden Männer in ihrem Gasthaus die wechselhafte Geschichte der Familie Revue passieren, die im Jahr 1914 ihren Anfang nimmt. Aus den Erinnerungen entsteht ein Zeitengemälde, das von der Nazivergangenheit, Bigotterie, dem Bruch zwischen den Generationen und den Nachwirkungen von Missbrauch handelt. Die titelgebenden zwei Herren im Anzug begleiten den Film, als unscheinbare Geister der Geschichte, die alle bis heute nicht losgeworden sind, oder wie Pankraz so treffend formuliert: „Ich war zwar nie ein Nazi, doch kein Nazi war ich nie.“
Donnerstag, 20. August 2026, 20:30 Uhr
Lebenslinien. Elisabeth – Die Erde versinkt
A 1983, Farbe 103 min
Regie/Drehbuch: Käthe Kratz; Kamera: Anton Peschke; Schnitt: Susanne Schett, Veronika Putz; Musik: Bert Breit
MIT: Eva Linder, Dietrich Siegl, Maria Bill, Alfred Pfeifer, Julia Gschnitzer, Linde Prelog.
Elisabeth (Eva Linder) arbeitet in einem öffentlichen Bad. Ihre Geschichte beginnt 1938, im Jahr des endgültigen politischen Umbruchs. Trotz ständiger materieller Not versucht sie mit ihrer Freundin Dolly (Maria Bill) in Tanzcafés den tristen Alltag zu vergessen. Auf der Suche nach dem Glück lässt sie sich mit dem falschen Mann ein und wird prompt durch ihre Affäre mit einem Nazi (Dietrich Siegl) ungewollt schwanger. Elisabeth erlebt, wie ihr vertrautes Leben ins Wanken gerät, während Ideologie, Angst und Anpassungsdruck den Alltag bestimmen. „Unsere Geschichte ist der Boden, auf dem wir stehen, uns bewegen, handeln. Die eigene Geschichtlichkeit ist eine Frage der Würde.“ (Käthe Kratz)
Freitag, 21. August 2025, 20:30 Uhr
Stärker als die Nacht
DDR 1954, sw, 117 min
Regie: Slatan Dudow; Drehbuch: Kurt Stern, Jeanne Stern; Kamera: Karl Plintzner, Horst E. Brandt; Schnitt: Johanna Rosinski; Musik: Ernst Roters
MIT: Wilhelm Koch-Hooge, Helga Göring, Kurt Oligmüller, Rita Gödikmeier, Harald Halgardt, Erika Dunkelmann.
Trotz der unmittelbaren Gefahr für sein Leben organisiert der Kommunist Hans Löning (Wilhelm KochHooge) zusammen mit seiner hochschwangeren Frau Gerda (Helga Göring) den passiven Widerstand der Hamburger Arbeiter gegen das Hitler-Regime. Bei einer dieser Aktionen wird er 1933 verhaftet, in ein Konzentrationslager gesperrt und regelmäßig gefoltert. Nach sieben Jahren kommt er 1940 aus dem KZ frei und verhält sich vorerst ruhig. Als die Wehrmacht die Sowjetunion angreift, geht er erneut in den Widerstand – in der Hoffnung auf ein kommendes, besseres Deutschland.
Samstag, 22. August 2026, 20:30 Uhr - Zur Anmeldung: Filmretro (Sa, 22.08.2026) - Kostenloser Shuttlebus um 14:00 Uhr ab Wien, kostenloser Rundgang an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen
Sturm kommt auf: Teil 2
D 2025, Farbe, 90 min
Regie: Matti Geschonneck; Drehbuch: Hannah Hollinger; Kamera: Theo Bierkens; Schnitt: Dirk Grau; Musik: Boris Bojadzhiev
MIT: Josef Hader, Susi Stach, Sigi Zimmerschied, Antonia Bill, Sebastian Bezzel, Frederic Linkemann.
Der Schuster Julius Kraus (Josef Hader) lebt zurückgezogen am Rande einer bayerischen Dorfgemeinschaft. Als der Bürgermeister stirbt, soll der Schuster das Amt übernehmen. Doch der will davon nichts wissen, denn Politik hat ihn noch nie interessiert. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 gerät er dennoch immer tiefer er in den Strudel der politischen Ereignisse. Basierend auf Oskar Maria Grafs im Exil verfassten Roman Unruhe um einen Friedfertigen verhandelt Sturm kommt auf eindringlich und hochaktuell, wie schnell Neid, Gier und Unzufriedenheit, trotz aller vermeintlicher ländlicher Idylle dazu führen kann, sich zu entzweien und althergebrachte Feindbilder wieder aufleben zu lassen.