Das Zweiglager Gusen

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Das KZ Gusen nach der Befreiung, Mai 1945 (US National Archives and Records Administration)Das KZ Gusen nach der Befreiung, Mai 1945 (US National Archives and Records Administration)

Bereits bei der Planung des KZ Mauthausen erwarb die SS auch im wenige Kilometer entfernt liegenden Ort Gusen Granitsteinbrüche. Ab Dezember 1939 mussten dort KZ-Häftlinge aus Mauthausen ein Lager errichten. Im April 1940 wurden die ersten Gefangenen permanent in diesem Lager untergebracht. Gusen, das von nun an als Zweigstelle des KZ Mauthausen galt, war mit einem ursprünglichen Fassungsvermögen von etwa 6.000 Gefangenen größer angelegt als das Stammlager in Mauthausen. Die SS überstellte zunächst vor allem polnische und spanische KZ-Häftlinge von Mauthausen nach Gusen. Die meisten von ihnen wurden zunächst, so wie in Mauthausen, zur Zwangsarbeit in den Steinbrüchen herangezogen. Besonders in den Jahren 1940 bis 1942 wurden die Gefangenen zu Tausenden systematisch getötet, oder sie starben an den elenden Haftbedingungen. Im Jahr 1941 war die Zahl der Toten im Zweiglager Gusen um ein Vielfaches höher als in Mauthausen.

Produktionsbaracke der Steyr-Daimler-Puch AG in Gusen, Mai 1945 (Service historique de la défense, Archives Iconographiques, Vincennes)Produktionsbaracke der Steyr-Daimler-Puch AG in Gusen, Mai 1945 (Service historique de la défense, Archives Iconographiques, Vincennes)

Im Zuge des verstärkten Zwangsarbeitseinsatzes von KZ-Häftlingen für die Rüstungsindustrie verlegten 1943 zwei große Rüstungsunternehmen Teile ihrer Produktion in das Konzentrationslager Gusen: Die Steyr-Daimler-Puch AG, der größte Rüstungskonzern der „Ostmark“, ließ dort nun Gewehre herstellen, die Messerschmitt GmbH Regensburg, einer der wichtigsten Hersteller von Jagdflugzeugen im Deutschen Reich, Flugzeugteile. Für die direkt in der Rüstungsproduktion eingesetzten Gefangenen verbesserten sich nun die Haftbedingungen, und die Todesrate im Lager sank vorläufig.

Bereits Ende 1943 begann die SS damit, von Häftlingen Stollen in die umliegende Berghänge treiben zu lassen. In ihnen sollten die zunehmend den alliierten Luftangriffen ausgesetzten Produktionsanlagen bombensicher untergebracht werden. Anfang 1944 nahm die SS ein riesiges unterirdisches Bauprojekt in St. Georgen an der Gusen, wenige Kilometer vom KZ Gusen entfernt, in Angriff: die Stollenanlage mit der Codebezeichnung „B8“ bzw. dem Tarnnamen „Bergkristall“. Sie sollte zur bombensicheren Verlagerung der Produktion des Messerschmitt-Jagdflugzeugs Me 262 dienen. Bis zu 6.000 KZ-Häftlinge arbeiteten gleichzeitig auf dieser Baustelle. Die Bauarbeiten erfolgten rund um die Uhr und wurden unter ständigen Misshandlungen unter größtem Zeitdruck vorangetrieben. Noch im Herbst 1944 wurde die Massenproduktion von Flugzeugrümpfen und -bauteilen aufgenommen. Bei Kriegsende waren etwa acht Kilometer Stollen mit einer Fläche von rund 50.000 m2 fertig ausgebaut.

Zur Unterbringung der für den Bau und später die Flugzeugproduktion benötigten Häftlinge wurde das KZ Gusen im März 1944 um den Lagerteil „Gusen II“ erweitert. Viele Überlebenden erinnern die Lebensbedingungen in diesem Lager als die katastrophalsten ihrer gesamten Deportationsgeschichte. Mindestens 8.600 Häftlinge des Lagers Gusen II wurden ermordet oder starben an den Folgen der Arbeits- und Lebensbedingungen.

 Insgesamt wurden etwa 71.000 Menschen aus ganz Europa in das KZ Gusen deportiert. Etwa 36.000 überlebten nicht. Die größten nationalen Gruppen kamen aus Polen und der Sowjetunion. Tausende waren auch aus west- und südeuropäischen Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien sowie aus dem Deutschen Reich deportiert worden.

Am 5. Mai 1945 wurde das Konzentrationslager Gusen von der US-Armee befreit.