Geschichte der Argentinierstraße 13

Raub und NS-Verfolgung in der Argentinierstraße 13

Das Haus Argentinierstraße 13, 1976, Fotograf: Unbekannt. Quelle: Fotoarchiv des Bundesdenkmalamts.Das Haus Argentinierstraße 13, 1976, Fotograf: Unbekannt. Quelle: Fotoarchiv des Bundesdenkmalamts.

Seit 2018 befindet sich die Außenstelle Wien der KZ-Gedenkstätte Mauthausen an der Adresse Argentinierstraße 13 im vierten Wiener Gemeindebezirk.

Unmittelbar nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland im März 1938 begann die Verfolgung von politisch Andersdenkenden und jenen Menschen, die nicht als Teil der „Volksgemeinschaft“ angesehen wurden. Auch für das Haus mit der Adresse Argentinierstraße 13 und jene Menschen, die mit ihm verbunden waren, hatte der Nationalsozialismus schwerwiegende Folgen. Unter ihnen finden sich Opfer sowie in unterschiedlichen Abstufungen auch Täter und Profiteure.

 

 

Ein bürgerliches Wohnpalais als „Feindvermögen“

Der Sozialdemokrat Emil Reich war Mitgründer des 1901 eröffneten Volksheims Ottakring, der ersten Volkshochschule, und ein wichtiger Förderer des damals aufblühenden Volksbildungswesens. Fotograf: C. Saitz, Wien-Döbling. Quelle: Archiv der Universität Wien, 106.I.1028. Der Sozialdemokrat Emil Reich war Mitgründer des 1901 eröffneten Volksheims Ottakring, der ersten Volkshochschule, und ein wichtiger Förderer des damals aufblühenden Volksbildungswesens. Fotograf: C. Saitz, Wien-Döbling. Quelle: Archiv der Universität Wien, 106.I.1028. Auf der Wieden entstanden im 19. Jahrhundert zahlreiche bürgerliche Wohnpalais. Jenes in der Argentinierstraße 13 wurde 1880 von Architekt Leopold Theyer im Stil der deutschen Renaissance gestaltet.


Zum Zeitpunkt des „Anschlusses“ war der Universitätsprofessor, Soziologe und Volksbildner Emil Reich Inhaber des Hauses. Obwohl er zum evangelischen Glauben konvertiert war, galt Reich für die Nationalsozialisten als Jude. Er verstarb im Dezember 1940 in Wien. Das Haus in der Argentinierstraße vererbte er seinen beiden Neffen. Da diese britische Staatsbürger waren, konnte es nicht „arisiert“ werden. Es wurde jedoch als „feindliches Vermögen“ eingestuft und ein Zwangsverwalter eingesetzt. Erst 1951 wurden die Erben Emil Reichs als rechtmäßige Besitzer des Hauses Argentinierstraße 13 in das Grundbuch eingetragen.

 

 

 

 

 




Verfolgung von Bewohnerinnen und Bewohnern der Argentinierstraße 13

Mindestens fünf Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses wurden nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen als jüdisch kategorisiert und verfolgt. Max Neustadtl, Sozialdemokrat und Hausverwalter, konnte zunächst mit seiner Familie nach Frankreich flüchten. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen wurde die Familie 1942 inhaftiert. Max Neustadtl wurde 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und ermordet. Seinem Sohn Rudolf Gustav gelang die Flucht über Spanien nach Palästina. Helene Neustadtl, die Ehefrau von Max Neustadtl, erlebte die Befreiung in Frankreich und reiste ihrem Sohn nach. Hilda Schabel gelang die Flucht nach Kuba. Ihr Stiefsohn, ein Mitglied der SS, bemächtigte sich ihres Eigentums. Der Textilunternehmer Hans Groedel ging nach der Scheidung von seiner „arischen“ Frau nach Kanada ins Exil, wo er sich das Leben nahm.

Der Inhaber der im Haus ansässigen Südfrüchte-Großhandlung Eugen Lang flüchtete mit seiner Frau Helene in die USA.

Hochzeitsfoto von Hans Leopold Freiherr von Groedel und Freifrau Marie Christine (geb. Freiin von Callenberg), 19. Februar 1924. Seines großen Vermögens beraubt und vertrieben nahm er sich am 19. Februar 1945 im Exil das Leben. Foto: Atelier d’Ora, Wien. Wiener Salonblatt, 29. März 1924. Quelle: ANNO/Österreichische Nationalbibliothek.Hochzeitsfoto von Hans Leopold Freiherr von Groedel und Freifrau Marie Christine (geb. Freiin von Callenberg), 19. Februar 1924. Seines großen Vermögens beraubt und vertrieben nahm er sich am 19. Februar 1945 im Exil das Leben. Foto: Atelier d’Ora, Wien. Wiener Salonblatt, 29. März 1924. Quelle: ANNO/Österreichische Nationalbibliothek.

Empfangsbestätigungen für die Identitätskarten der International Refugee Organisation (IRO) für Helene Neustadtl und ihrem Sohn Rudolf Gustav. Diese Hilfsorganisation unterstützte auch zurückgekehrte Flüchtlinge in Wien. Helene reiste nach ihrer Befreiung zu ihrem Sohn nach Palästina. 1948 kehrten sie nach Österreich zurück. Quelle: Arolsen Archives, 3.2.1.3. IRO „Care and Maintenance“ Programm, CM/1 Akten aus Österreich, 1698000.Empfangsbestätigungen für die Identitätskarten der International Refugee Organisation (IRO) für Helene Neustadtl und ihrem Sohn Rudolf Gustav. Diese Hilfsorganisation unterstützte auch zurückgekehrte Flüchtlinge in Wien. Helene reiste nach ihrer Befreiung zu ihrem Sohn nach Palästina. 1948 kehrten sie nach Österreich zurück. Quelle: Arolsen Archives, 3.2.1.3. IRO „Care and Maintenance“ Programm, CM/1 Akten aus Österreich, 1698000.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Anhänger des Nationalsozialismus in der der Argentinierstraße 13

Heinrich Rüdegger war seit 1932 NSDAP-Mitglied. Noch vor 1938 verhaftete man ihn mehrmals als illegalen Nationalsozialisten und verurteilte ihn wegen Betätigungen für die Partei zu zwei Jahren Haft. Nach dem „Anschluss“ wurde er Abgeordneter des Großdeutschen Reichstags und betätigte sich als „Ariseur“.

Der Name von Heinrich Rüdegger stand auf der ersten österreichischen Kriegsverbrecherliste, die im Dezember 1945 von der Kommission zur Vorbereitung der Kriegsverbrecherprozesse veröffentlicht wurde. Österreichische Volksstimme, 4. Dezember 1945. Quelle: ANNO/Österreichische Nationalbibliothek.Der Name von Heinrich Rüdegger stand auf der ersten österreichischen Kriegsverbrecherliste, die im Dezember 1945 von der Kommission zur Vorbereitung der Kriegsverbrecherprozesse veröffentlicht wurde. Österreichische Volksstimme, 4. Dezember 1945. Quelle: ANNO/Österreichische Nationalbibliothek.

Nach der Befreiung Österreichs nahm ihn die US-Armee noch im September 1945 als hochrangiges NSDAP-Mitglied fest. Ein Gerichtsverfahren endete jedoch mit einem Freispruch.
Johann Tisch war seit 1930 Mitglied der NSDAP und trat 1932 der SA bei. Er trat Max Neustadtls Nachfolge als Hausverwalter an und wohnte bis 1970 im Haus.
Über die Rolle der anderen Bewohnerinnen und Bewohner während des Nationalsozialismus ist nichts dokumentiert.

Ab 1938 hatte in der Argentinierstraße 13 auch die „Fachgruppe Holzhandel“ ihren Sitz. Diese Institution war an der „Arisierung“ von Betrieben der Holzwirtschaft beteiligt.