Call for Papers | Trauma-informierte Praxis in Archiven, Ausstellungen, Gedenkstätten und Forschungseinrichtungen
01.09.2026
14.–16.04.2027, Bildungszentrum der AK Wien | Veranstalter*innen: Arolsen Archives, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), KZ-Gedenkstätte Mauthausen (MM)
Die Arbeit mit historischen Unterlagen kann eine direkte und/oder wiederholte Konfrontation mit extremer Gewalt, systematischer Entmenschlichung und individuellem Leid bedeuten. In Archiven und Ausstellungen, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus oder Kolonialismus beschäftigen, scheint dies offensichtlich. Allerdings finden sich belastende Unterlagen auch in vielen anderen Kultureinrichtungen und Archivsparten, selbst dort, wo sie auf den ersten Blick nicht erwartet werden.
Das Konzept der trauma-informierten Archivpraxis erfährt im englischsprachigen Diskurs, ausgehend von Kanada und Australien, seit rund 15 Jahren eine theoretische und praktische Fundierung. Im deutschsprachigen Raum stehen wir hingegen noch relativ am Anfang einer systematischen Auseinandersetzung und erst in jüngster Zeit entstehen Publikationen zum Thema. Dabei sind grundlegende Fragen: Was kann die Arbeit mit Unterlagen, die Gewalt dokumentieren, für Betroffene, Mitarbeitende und Nutzende bedeuten? Welche strukturellen Maßnahmen können Institutionen ergreifen, um einen sensiblen und informierten Umgang mit belastenden Unterlagen zu etablieren? Wie lassen sich mögliche sekundäre Traumatisierungen des Personals oder Re-Traumatisierungen betroffener Nutzer*innen vermeiden?
Wir verstehen unter Trauma eine Reaktion auf ein Ereignis oder eine Abfolge von diesen, die Einzelpersonen oder Gemeinschaften überwältigen und langfristige, komplexe Folgen haben können. Sekundäres Trauma bezeichnet Belastungen, die durch die Beschäftigung mit traumatischen Erfahrungen anderer Personen, oder belastendem Material entstehen können, auch ohne eigene direkte Betroffenheit.
Trauma-informierte Praxis geht davon aus, dass die Auseinandersetzung mit belastenden Unterlagen emotionale und körperliche Reaktionen auslösen kann, die ernst genommen werden müssen. Statt diese Reaktionen zu individualisieren oder zu verdrängen, werden sie als Teil der Arbeits- und Vermittlungsrealität verstanden, die institutionell berücksichtigt werden sollten.
Die Veranstaltung versteht sich als kollaborative Tagung mit Workshop-Charakter. Neben theoretischem Input wird es Raum für intensiven Austausch zu Fallbeispielen, Erfahrungen und der Entwicklung von Best-Practice-Leitfäden geben. Ein Ziel ist es, voneinander zu lernen, gemeinsam weiterzudenken und über die Tagung hinaus zu wirken.
Call for Papers: Wir suchen Beiträge zu folgenden Schwerpunkten
1. Die Begnungen: Nutzung und Begleitung
Wie können wir Nutzende, etwa Angehörige, Betroffene, Studierende, Forschende und Lernende, auf potenziell belastende Inhalte vorbereiten und begleiten?
Welche Herausforderungen ergeben sich für die Archiv- und Gedenkstättenpädagogik und in Nutzungssituationen, etwa in Lesesälen oder Seminarräumen?
Welche Unterschiede in der Arbeitserfahrung zeigen sich im Umgang mit potenziell traumatisierendem Material bei den Mitarbeitenden?
2. Der Blick nach innen: Institutionelle Perspektiven und Arbeitsbedingungen
Welche Formen von Austausch, Prävention und Supervision sind für Mitarbeitende in potentiell belastenden Arbeitsumfeldern notwendig?
Wie kann die Sensibilisierung für Trauma- und Belastungsthemen in die Ausbildung von Archivarinnen, Museologinnen, Vermittler*innen und Historiker*innen integriert werden?
Seit wann gibt es ein Bewusstsein für Trauma? Wer wurde (und wird) als traumatisiert anerkannt und welche Erfahrungen blieben oder bleiben bis heute unsichtbar?
Welche Bewältigungsstrategien und -praktiken haben sich bei der Arbeit an historisch belasteten Orten entwickelt?
3. Die Sprache der Erschließung: Verantwortung und Sichtbarmachen
Wie gehen wir mit diskriminierender Sprache in historischen Unterlagen und Metadaten um? Welche Formulierungen nutzen wir, um Diskriminierungen in Beständen zu beschreiben, ohne sie unreflektiert zu reproduzieren und dennoch sichtbar zu machen?
Wie können wir mit Angehörigen betroffener Communities in den Austausch gehen und Anregungen in die Erschließung einbeziehen?
Welche Strategien gibt es im Umgang mit widersprüchlichen Angaben oder hochsensiblen Unterlagen (z.B. Erinnerungsberichte, medizinische Unterlagen, Dokumente zu Sex-Zwangsarbeit)?
4. Nicht einfach online: Digitale Ethik und Zugänglichkeit
Wie können belastende Inhalte (z. B. Gewaltfotografien, Täter*innen-Dokumente) online bereitgestellt werden?
Welche Rolle spielen Content-Warnungen und Funktionen für die Zugangsbeschränkungen wie Anmelde- und Freischaltungsverfahren im digitalen Raum?
Wie lassen sich rechtliche Vorgaben wie Datenschutz, ethische Verantwortung und Schutz der Betroffenen mit dem Anspruch vereinbaren, Geschichte transparent zu vermitteln und historische Quellen verfügbar zu machen?
Wie können digitale Angebote inklusiv gestaltet werden, um möglichst barrierearme und niederschwellig Zugänge für unterschiedliche Fähigkeiten und technische Kenntnisse zu gewährleisten?
5. Das Zeigen: Museologische Fragen und kuratorische Praxis
Vor welchen ethischen Herausforderungen stehen Kurator*innen bei der Auswahl und Inszenierung von Exponaten, die Gewalt zeigen?
Wie kann man vermeiden, dass Besucherinnen sich wie Voyeur*innen fühlen? Wie können Ausstellungen Wahlmöglichkeiten schaffen, die Besucher*innen eine selbstbestimmte Annäherung an belastende Inhalte ermöglichen? Wie lassen sich „Safer Spaces“ in Ausstellungsräumen umsetzen?
Wie gehen wir kuratorisch mit persönlichen Gegenständen von Verfolgten oder gewaltbezogenen Objekten um, um die Würde der Betroffenen zu wahren?
Welche Rolle spielt die Inszenierung mit Licht, Ton und Farbwahl bei der Vermittlung belastender Inhalte?
Einreichung
Einreichungen können zu einzelnen Schwerpunkten erfolgen, aber auch mehrere kombinieren. Wir begrüßen Papers von Institutionen, Community-Gruppen und Einzelpersonen aus unterschiedlichen Disziplinen, darunter Archivwesen, Erinnerungskultur, Museumskunde, Vermittlungsarbeit, Traumaforschung und künstlerische Praxis. Kritische Perspektiven wie postkoloniale Forschung, Gender- und Queer Studies, Disability Studies helfen uns, das Bild zu schärfen. Besonders erwünscht sind Praxisbeispiele, wie zum Beispiel zum Umgang mit Zeugnissen von Menschen, die Repression und Gewalt erfahren haben, mit Sammlungen zu Heim- und Verschickungskindern, mit Materialien aus kolonialen Kontexten und Raubgut, mit Gewaltbildern und Zeugnissen von Täter*innen.
Wir bemühen uns, einen respektvollen, möglichst barrierearmen und diskriminierungssensiblen Rahmen zu schaffen, in dem sich alle Teilnehmenden sicher beteiligen können. Informationen zur Barrierefreiheit sowie zu Unterstützungsangeboten werden rechtzeitig vor der Veranstaltung bereitgestellt. Sollten Sie individuelle Bedürfnisse haben, freuen wir uns über eine frühzeitige Kontaktaufnahme, damit wir gemeinsam nach Lösungen suchen können.
Einreichungsmodalitäten
Die Einreichungs- und Tagungssprache ist Deutsch.
Derzeit ist ein englischsprachiger Online-Vortrag mit deutscher Übersetzung geplant.
Abstract: max. 2.000 Zeichen inkl. Leerzeichen
Kurze Biografie: max. 1.000 Zeichen
Bitte geben Sie an, ob ein Impulsvortrag (20 Min.), der zu einem Panel zusammengefasst werden kann, eine dialogische Präsentation mit Fokus auf Einbeziehung der Teilnehmenden (30–60 Minuten) oder eine Workshop-Session (90–120 Min.) angestrebt wird.
Fristen
Der Call ist geöffnet vom 1. September bis 31. Oktober 2026.
Rückmeldungen der Veranstalter*innen erfolgen bis Ende Dezember 2026.
Um eine möglichst breite Teilnahme zu ermöglichen, planen wir, die Tagung kostengünstig anzubieten. Für Teilnehmende, deren Institution keine Reisekosten übernimmt, können wir auf Anfrage Unterstützungsmöglichkeiten prüfen. Genauere Informationen zu Anträgen auf Kostenübernahme werden rechtzeitig mit der Bestätigung der Einreichung bekannt gegeben.
Bitte senden Sie Ihre Unterlagen in einer PDF-Datei an:
mailing@arolsen-archives.org
Organisation
René Bienert (MM)
Kim Dresel (Arolsen Archives)
Linda Erker (DÖW)
Sabine Heuchler (Arolsen Archives)
Ralf Lechner (MM)
Franziska Schubert (Arolsen Archives)
Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme und einen produktiven Austausch mit dem wir einen Beitrag zur Etablierung im deutschsprachigen Raum leisten möchten.
Mit freundlicher Unterstützung der Arbeiterkammer Wien realisiert.
Der CfP kann hier heruntergeladen werden.