Mauthausen

Open-Air-Filmretrospektive 2023: Schatten der Vergangenheit – Kein Platz für dunkle Geheimnisse

16.08.2023, 20:00 - 19.08.2023, 23:00 Uhr

Das jährliche Open-Air-Kino lädt Mitte August zu vier Filmabenden vor dem Besucher*innenzentrum der Gedenkstätte ein.

Open-Air-Filmretrospektive 2023: Schatten der Vergangenheit – Kein Platz für dunkle Geheimnisse
Peter Lorre in „Der Verlorene“, Sammlung Österreichisches Filmmuseum

Als 1955 der Staatsvertrag unterzeichnet wurde und die alliierten Soldaten Österreich verlassen hatten, wollten sich alle „schöneren Dingen“ zuwenden. Das Grauen des Zweiten Weltkriegs sollte vergessen gemacht werden, denn schließlich war das Glück in Form des „Wiederaufbaus“ zum Greifen nah. Dieser Umstand ermöglichte das Verfälschen der kollektiven Erinnerung und das Verscharren von Schuld. Zeitzeug*innen und Überlebende haben unermüdlich dafür gekämpft, dass erlittenes Unrecht nicht vergessen werde. Anlässlich ihres ersten Besuches in Deutschland 1950 benannte Hannah Arendt gängige Verdrängungsstrategien mit Scharfsicht und Präzision: „Die Lügen totalitärer Propaganda unterscheiden sich von den gewöhnlichen Lügen, auf welche nichttotalitäre Regime in Notzeiten zurückgreifen, vor allem dadurch, dass sie ständig den Wert von Tatsachen überhaupt leugnen: Alle Fakten können verändert und alle Lügen wahrgemacht werden.“ Angesichts der zeitgenössischen Fabrikation von „alternativen Fakten“ und der zunehmenden Verbreitung von „Fake News“ muss Arendts Analyse vermutlich auch auf nicht-totalitäre Regierungsformen ausgeweitet werden.

Die Filmretrospektive der KZ-Gedenkstätte Mauthausen 2023 wird kuratiert und moderiert von Elisabeth Streit und Tom Waibel (Österreichisches Filmmuseum).
Die Urheberrechte an allen Texten liegen bei ihnen.

Die Filmretrospektive findet bei jedem Wetter statt (bei Regen im Besucher*innenzentrum). Der Eintritt ist frei.
Am Samstag, dem 19. August, gibt es die Möglichkeit, an einem kostenlosen geführten Rundgang ab 16:30 Uhr teilzunehmen. Treffpunkt ist der Bookshop.


Anmeldungen sind ab Donnerstag, 1. Juni unter diesem Link möglich.

 

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Mittwoch 16. August 2023, 20:00 Uhr
Im Labyrinth des Schweigens (2014)

R: Giulio Ricciarelli, D: Elisabeth Bartel, K: Roman Osin, Martin Langer, S: Andrea Mertens, M: Sebastian Pille, Niki Reiser
MIT: Alexander Fehling, André Szymanski, Friederike Becht, Gert Voss, Johannes Krisch, Johann von Bülow. D, Farbe, 123 min., deutsch.

Deutschland 1958: Der Krieg ist seit über zehn Jahren vorbei und alle wollen endlich vergessen. Mit dem Gräuel der Nationalsozialisten will sich hier niemand mehr beschäftigen und so leben die Opfer und Täter nebeneinander. 1963 beginnen unter Fritz Bauer als Generalstaatsanwalt in Frankfurt die Auschwitzprozesse, aber das neu aufkeimende Selbstbewusstsein des Landes überdeckte die Notwendigkeit, sich der vergangenen Verbrechen zu stellen. Mehrere hundert Zeug*innen wurden befragt und der Prozess mutierte zu einem der größten Ereignisse in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Danach konnte niemand mehr behaupten, dass es keine Gaskammern gegeben hätte ­– und Fritz Bauer hatte sein Ziel erreicht.

 

Donnerstag 17. August 2023, 20:00 Uhr
Rotation (1949)

R: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Erwin Klein, Fritz Staudte, Wolfgang Staudte; K: Bruno Mondi, S: Lilian Seng, M: H. W. Wiemann
MIT: Paul Esser, Irene Korb, Karl Heinz Deickert, Reinhold Bernt, Reinhard Kolldehoff, Brigitte Krause. D (SBZ), SW, 84 min., deutsch.

Nach Jahren der Arbeitslosigkeit findet der Drucker Hans Behnke (Paul Esser) Anfang der 1930er Jahre endlich Arbeit in einem großen Verlag. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verfilmt Wolfgang Staudte gekonnt die Geschichte eines einfachen Mannes, der nur eines will: Arbeit und ein bisschen Glück für sich und seine Familie. Behnkes Versuch in einer hochpolitisierten Zeit unpolitisch zu leben, wird ihm zum Verhängnis und macht ihn zum berechenbaren Faktor der Massenmörder. Ohne Opportunismus und Mitläufertum hätte der Nationalsozialismus kaum eine Chance gehabt, und wer "Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!" fordert, muss die Augen und Ohren – damals wie heute – offenhalten.

 

Freitag 18. August 2023, 20:00 Uhr
Der Verlorene (1951)

R: Peter Lorre, D: Peter Lorre, Benno Vigny, Axel Eggebrecht, K: Václav Vich, S: Carl Otto Bartning, M: Willy Schmidt-Gentner
MIT: Peter Lorre, Johanna Hofer, Karl John, Gisela Trowe, Renate Mannhardt, Helmut Rudolph. BRD, SW, 98 min., deutsch.

Der unbedarfte Wissenschaftler Carl Rothe (Peter Lorre) führt trotz des Zweiten Weltkriegs ein ziemlich sorgenfreies Leben. Aber als ihm seine Verlobte Inge (Renate Mannhardt) gesteht, dass sie ihn mit seinem Assistenten Hösch (Karl John) betrogen hat, gerät sein Leben völlig aus den Fugen. Nach dem Krieg stehen sich die beiden Kontrahenten in einem Flüchtlingslager als „Andere“ gegenüber. Mit seiner einzigen Regiearbeit erinnerte der Schauspieler Peter Lorre daran, dass die „Geister der Vergangenheit“ nicht zu Ruhe kommen können, solange die Schuld nicht beglichen wurde. 

 

Samstag 19. August 2023, 20:00 Uhr
Schächten (2022)

R + D: Thomas Roth, K: Clemens Majunke, S: Birgit Gasser, M: Erik K. Skodvin
MIT: Jeff Wilbusch, Paulus Manker, Christian Berkel, Miriam Fussenegger, Georg Friedrich, Julia Stemberger. A, Farbe, 110 min, deutsch

Victor Dessauer (Jeff Willbusch) hat bis auf seinen Vater die gesamte Familie im Holocaust verloren. Mit der Unterstützung von Simon Wiesenthal (Christian Berkel) versuchen Vater und Sohn im Nachkriegsösterreich Gerechtigkeit zu erlangen. Als Kurt Gogl (Paulus Manker) der Prozess gemacht und er trotz erwiesener Gräueltaten freigesprochen wird, beschließt Victor Dessauer selbst für Gerechtigkeit zu sorgen. Unausgesprochenes trifft hier auf Zumutung und Grausamkeit, die sich zwischen Dessauer und Gogl bis zur Unerträglichkeit steigert. An die Erlösung glaubt in diesem Film niemand mehr.

Für den diesjährigen Abschlussfilm hat der Regisseur von Schächten, Thomas Roth, seinen Besuch zugesagt. Anschließend Gespräch mit Elisabeth Streit und Tom Waibel.