Das ehemalige Zwangsarbeitslager in Graz Liebenau - Über den Umgang mit einem lange verdrängten zeitgeschichtlichen Thema

14.09.2017

Anfang des Jahres 2017 begannen in Graz die Bauarbeiten für ein neues Wasserkraftwerk an der Mur. Im Zuge dessen ist auch ein lange verdrängtes zeitgeschichtliches Thema wieder an die Oberfläche gelangt: das ehemalige Zwangsarbeitslager Graz Liebenau.

Das ehemalige Zwangsarbeitslager in Graz Liebenau - Über den Umgang mit einem lange verdrängten zeitgeschichtlichen Thema
(Foto: KZ-Gedenkstätte Mauthausen / markushechenberger.net)

Als industrielles Zentrum war die Stadt Graz zur NS-Zeit mit einem Netz an Lagern für ausländische Zwangsarbeiter überzogen. Das größte davon war das Lager Graz Liebenau, das Platz für rund 5.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bot. Zwar war Graz Liebenau nicht Teil des Systems von NS-Konzentrationslagern und stand somit auch in keinem direkten Bezug zum KZ Mauthausen, es war dennoch ein zentrales Element eines Systems, im Zuge dessen Menschen aus ganz Europa gewaltsam deportiert und unter inhumanen Bedingungen zur Arbeit gezwungen wurden. Der Terror und das drakonische Bestrafungssystem in Zwangsarbeitslagern bis hin zu Exekutionen ist durch die wissenschaftliche Forschung hinlänglich nachgewiesen. Für das Lager in Graz Liebenau ist auch die systematische Durchführung von Zwangsabtreibungen an ausländischen Zwangsarbeiterinnen belegt.

Ein spezielles, auch direkt mit dem KZ Mauthausen in Zusammenhang stehendes Kapitel, betrifft die allerletzte Kriegsphase. Im Zuge der Todesmärsche von der burgenländischen Grenze durch den Gau Steiermark bis in das KZ Mauthausen, wurden insgesamt 5.000 bis 6.000 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter durch das Lager Liebenau geschleust. Mindestens 35 Personen wurden vor Ort erschossen. Wie viele weitere aufgrund von Anstrengung, Hunger und Kälte dort zu Tode kamen, ist unbekannt. Aus den Akten eines britischen Militärprozesses gegen die verantwortlichen des Lagers im Jahr 1947 ergeben sich Hinweise darauf, dass auf dem Gelände noch weitere Massengräber existieren dürften, die nie exhumiert wurden.

In den 1950er und 1960er Jahren wurden weite Teile des ehemaligen Lagerareals mit Wohnsiedelungen überbaut. In den 1990er Jahren kamen bei Bauarbeiten für einen Kindergarten menschliche Überreste zum Vorschein. Dies hatte jedoch keine weiteren Untersuchungen zur Folge. Mit dem Bau des Murkraftwerks erhielt das verdrängte Thema nun neue Brisanz, da die Bauarbeiten im direkten Umfeld des ehemaligen Lagerstandorts stattfinden. Der Bauträger „Energie Steiermark“ hat sich zu einem sensiblen Umgang mit dem Gelände verpflichtet. So wurden gemeinsam mit der Stadt Graz eine Studie zur Geschichte des Lagers Graz Liebenau in Auftrag gegeben und eine wissenschaftliche Konferenz ausgerichtet. Die Bauarbeiten werden von Archäologen des Bundesdenkmalamtes begleitet. Zahlreiche physische Überreste des Lagers konnten seither freigelegt werden. Das ehemalige Lagergelände und sein Umfeld sind mittlerweile als archäologische Bodenfundstätte deklariert.

Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen begrüßt diese Maßnahmen. Zugleich fordern wir ein, dass aktuelle und künftige Umgestaltungen des ehemaligen Lagerareals auf die belastete Geschichte des Ortes entsprechend Bedacht nehmen. Dies betrifft insbesondere die Sicherung noch bestehender physischer Überreste des Lagers sowie eine entsprechende Kennzeichnung des Areals unter Bezugnahme auf dessen Geschichte und unter dem Gesichtspunkt der Würdigung der Opfer. Ebenso plädieren wir eindringlich dafür, an sämtlichen Verdachtszonen möglicher Massengräber entsprechende Sondierungen durchzuführen. Es muss verhindert werden, dass allfällige Bau- und Gestaltungsmaßnahmen auf den Gräbern von in Graz Liebenau ermordeten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern erfolgen. Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen hat daher der Stadt Graz und anderen in dieser Sache relevanten Akteuren das Angebot unterbreitet, ihre Expertise im Umgang mit historisch sensiblen Orten in den Prozess der Schaffung eines Gedenkortes für die Opfer des Zwangsarbeitslagers Graz Liebenau einzubringen.

Christian Dürr für die KZ-Gedenkstätte Mauthausen