Nachruf auf Jean Gavard

19.08.2016

Nachruf auf Jean Gavard
(Foto: KZ-Gedenkstätte Mauthausen)

Aus Paris wird uns vom Tod des Herrn Jean Gavard berichtet, ehemaliges Mitglied der Résistance und Häftling in Gusen, der am 4. August in Garche bei Paris im 94. Lebensjahr verstorben ist.

Jean Gavard wurde am 16. Mai 1923 in Belgien geboren. Aufgrund der Krise der Dreißigerjahre war seine Familie gezwungen, zurück nach Frankreich zu ziehen und sich bei Bordeaux niederzulassen. Nach der Besetzung eines Teiles von Frankreich, im Sommer 1940, trat er als Gymnasiast dem Widerstandsnetz Confrérie Notre-Dame Castille bei. Dieses Netz mit der Basis in den Atlantikhäfen an der Nordsee, von Bordeaux bis Antwerpen, lieferte nach London Informationen über die Tätigkeiten der Kriegsmarine, die im Nordatlantik versuchte, die Versorgungswege Englands aus den Vereinigten Staaten von Amerika und Canada abzuschneiden: diese Informationen waren essenziell in den Jahren 1940 -1941 als die Konvois der amerikanischen Handelsmarine dem isolierten England erlaubten, sich den Nazis gegenüber zu behaupten.

Am 10. Juni 1942 wurde Jean Gavard bei seinem Einstiegsexamen für die Universität verhaftet. Er wurde mit seinen Kameraden aus dem Widerstand – zumeist junge Gymnasiasten – zum Verhör in die Zentrale der Gestapo in Paris transferiert, denn ihr Netz war das erste große Informationsnetz, das von den Nazis in Frankreich zerschlagen wurde. Er blieb zehn Monate alleine in einer Gefängniszelle in Paris, jeden Tag damit rechnend, erschossen zu werden. Am 25. März 1943 wurde er mit dem ersten NN Konvoi aus Paris ins Lager Mauthausen deportiert, und am 7. April 1943 Gusen zugewiesen, wo er im Steinbruch und dann in den „Steyr“ Werkstätten zur Herstellung von Gewehren arbeitete. Als er am 5. Mai 1945 im Zentrallager befreit wurde, ist seine Rückführung nach Frankreich aufgrund seines körperlichen Zustands nicht möglich. Er wurde am 18. Mai 1945 in das amerikanische Militärspital in Gusen transferiert und in extremis vom Personal des 13th evacuation hospital gerettet.

Äußerst mitgenommen, kehrte er am 1. Juni 1945 nach Frankreich zurück, wo er erst 1947, mit fünfjähriger Verspätung, sein universitäres Studium der Rechtswissenschaften aufnehmen konnte. Als Spezialist für die administrative Leitung von schulischen und universitären Einrichtungen wurde er Generalinspektor der Verwaltung für Bildungswesen und Forschung. Als Vizepräsident der Fondation de la Résistance und der Amicale de Mauthausen bekämpfte Jean Gavard die Leugnung des Holocausts in den Jahren 1980, indem er die französische Übersetzung des Werkes „les chambres à gaz, secret d´État“ (die Gaskammern, ein Staatsgeheimnis) von Eugen Kogon, Adalbert Rückerl und Hermann Langbein unterstützte.

Jean Gavard war auch ein sehr großer Weitergeber von Erinnerungen. Er legte ein Zeugnis ab in seinem 2007 erschienenen Buch Une jeunesse confisquée, 1940-1945 (eine konfiszierte Jugend). Er legte auch ein Zeugnis ab in schulischen Einrichtungen und war zehn Jahre hindurch der Vorsitzende der Jury des nationalen Wettbewerbs zum Widerstand und zur Deportation. Dank dieses Wettbewerbs arbeiten jedes Jahr in Frankreich zehntausende Jugendliche an dem Gedenken an die Deportierten und Widerstandskämpfer. Anfang der Jahre 1990 ließ er mit seinen deportierten Kameraden der Amicale de Mauthausen Hunderte von Professoren die Lager Mauthausen und Gusen besuchen. Die Steine, mit welchen österreichische Kinder ihn und seine jungen französischen Kameraden des Widerstands am 27. März 1943 beim Aufstieg vom Bahnhof zum Zentrallager bewarfen, hatten ihn zutiefst sein Leben lang verletzt: bis zu seinem letzten Tag am 4. August 2016 hat er für die Arbeit zum Gedenken an die Opfer der Nazi Gräueltaten und die staatsbürgerliche Erziehung der Jugend gekämpft.

Wir trauern um Jean Gavard.