Wir trauern um Primarosa Pia

20.04.2021

Aus dem Piemont erreichte uns die traurige Nachricht, dass Primarosa Pia am 17. April 2021 im Krankenhaus Alessandria, wenige Tage vor ihrem 69. Geburtstag verstorben ist. Wir trauern um eine starke, humorvolle und tatkräftige Frau, die als engagierte Vermittlerin unermüdlich gegen das Vergessen kämpfte und sich auch aktiv in die Arbeit der KZ-Gedenkstätte Mauthausen einbrachte.

Wir trauern um Primarosa Pia
(Foto: Primarosa und Natale Pia, 2012 (privat))

Primarosa Pia kam 1952 in Montegrosso d’Asti zur Welt, als Tochter des KZ-Überlebenden Natale Pia. Ihr Vater hatte das Außenlager Gusen mit knapper Not überlebt, ihr Onkel war dort an seinem 18. Geburtstag an Hunger und Erschöpfung nur wenige Wochen vor der Befreiung ums Leben gekommen. Zwei weitere Onkel, Biagio und Giovanni Benzi, überleben die Lager Flossenbürg und Bolzano.

Gespräche über Konzentrationslager und Deportation gehörten zum Familienalltag. Trotz des Bemühens ihres Vaters wollte sich Primarosa Pia lange Zeit nicht mit diesen Themen beschäftigten. Erst im Jahr 2000, mit 48 Jahren, war Primarosa Pia in der Lage, ihre Ängste zu überwinden und sich diesem traurigen Teil der (Familien-)Geschichte zu öffnen. Von da an machte sie das Gedenken an Schrecken der Vergangenheit voll und ganz zu ihrer Mission. Zunächst half sie ihrem Vater, seine handgeschriebenen Memoiren zu transkribieren, zu publizieren und schließlich zu verbreiten: Das Buch „La storia di Natale“ fand seit 2004 den Weg in viele italienische Schulen und erschien in sieben Auflagen. Zwei Jahrzehnte lang brachte sie sich seither aktiv in die Erinnerungsarbeit ein, zunächst noch gemeinsam mit ihrem Vater Natale (1922–2013). Sie nahm an zahlreichen Veranstaltungen teil, initiierte Studienreisen an KZ Gedenkstätten und besuchte unermüdlich Schulen. Gerade im Umgang mit jungen Menschen war ihr wichtig, die Aktualität der Vergangenheit begreifbar zu machen. Ihr ging es vor allem darum, für die Mechanismen zu sensibilisieren, die Faschismus und Nationalsozialismus groß werden ließen.

Primarosa Pia brachte sie sich auch bei dem Überlebendenverband ANED Turin ein. Dort entwickelte und betreute sie eine Mailbox, die sich rasch zu einem anderen großen Projekt, zu ihrem „dritten Kind“ entwickelte: 2006 startete sie das bis heute äußerst lebendige Diskussionsforum „Deportati mai più [R-esistiamo]“, einem Mailverteiler mit zehntausenden Kontakten, auch vielen internationalen. Primarosa Pia moderierte diese Forum mit Bravour, brachte dort Forscherinnen und Forscher zusammen mit Interessierten, Journalisten, Angehörigen von Opfern des Nationalsozialismus, MitarbeiterInnen vom Gedenkstätten und vielen mehr. In diesem Forum werden bis heute Informationen getauscht, Ideen gesponnen, Freundschaften geschlossen und auch leidenschaftliche Debatten geführt.

Primarosa Pia unterstützte auch die Arbeit der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. So übersetzte sie Texte in das Italienische, etwa für die Ausstellung „das sichtbare unfassbare“ („immagini da non dimenticare“), zudem transkribierte sie auch zahlreiche Oral History-Interviews.

Wir danken ihr für jahrzehntelanges Engagement. Primarosa Pia wird uns fehlen. Unser besonderes Mitgefühl gilt der Familie.

 

Nachruf verfasst von Gabriele Pflug