Mauthausen-Erinnerungen 3: Jean Cayrol

Der aus Bordeaux stammende französische Schriftsteller Jean Cayrol (1911–2005) war am 10. Juni 1942 – nach langer Tätigkeit für die katholische Widerstandsgruppe Confrérie Notre-Dame (CND) – von der Sicherheitspolizei Paris verhaftet und am 27. März 1943 ins KZ Mauthausen deportiert worden. Cayrol war damit einer von Tausenden Deportierten, die nach dem berüchtigten, auf Hitler selbst zurückgehenden „Nacht-und-Nebel-Erlass“ vom 7. Dezember 1941 ins Deutsche Reich verschleppt wurden. Mit diesem Erlass deportierte die deutsche Justiz WiderstandskämpferInnen aus den besetzen Gebieten Westeuropas heimlich nach Deutschland und terrorisierte durch das spurlose Verschwindenlassen von Menschen gezielt die Zivilbevölkerung.
Im KZ Mauthausen wurde Jean Cayrol unter der Häftlingsnummer 25305 als „politischer Franzose“ registriert, von Beruf Bibliothekar, verhaftet wegen einer Tätigkeit für eine Spionageorganisation. Auf seiner sogenannten Häftlingspersonalkarte – einem jener zahlreichen, für jeden KZ-Häftling geführten Dokumente – notierte die SS seine „Personenbeschreibung“: „Grösse: 163 cm / Gestalt: schwächlich / Gesicht: oval / Augen: grau / Nase: normal / Mund: normal / Ohren: normal / Zähne: gut / Haare: dkl. blond / Sprache: franz.-span.-engl. / Bes. Kennzeichen: keine“. Am 7. April 1943 überstellte man ihn in das seit 1940 bestehende Zweiglager Gusen, wo Cayrol sechs Monate lang als Hilfsarbeiter im Steinbruch arbeiten musste – in einem äußert gefährlichen Arbeitskommando eines im Wortsinn tödlichen Lagers, in dem allein in diesen sechs Monaten mehr als 2.000 Menschen starben. Völlig erschöpft erhielt er schließlich Hilfe durch den oberösterreichischen Priester Johann Gruber, der als Funktionshäftling im KZ Gusen ein Hilfsnetzwerk für Mithäftlinge aufgebaut hatte und vor allem für die Gruppe der Franzosen, zu der Jean Cayrol gehörte, zusätzliche Verpflegung organisierte. Gruber wurde 1944 in Gusen ermordet, Cayrol widmete ihm später den Gedichtband "Poèmes de la nuit et du brouillar".  Ab 24. November 1943 wurde Cayrol schließlich in einem Kommando der im KZ Gusen produzierenden Rüstungsindustrie, der Steyr-Daimler-Puch AG, eingesetzt; erst jetzt fand er die Möglichkeit, im Verborgenen Texte zu schreiben. Lange Zeit glaubte er sie nach dem Krieg verloren, bis sie ihm 1955 anonym aus Deutschland per Post zugesandt wurden. Cayrol veröffentlichte sie 1997 in einer Auswahl unter dem Titel "Alerte aux ombres". Nun liegen die Texte unter dem Titel Schattenalarm erstmals in einer deutschen Übersetzung von Ulrike Julika Betz vor.

Schattenalarm strebt keine realistische Schilderung der Verhältnisse im Konzentrationslager an, sondern übersetzt Erfahrung in eine Art metaphysischer Poesie. Obwohl die Texte durchgehend die Form von Versen besitzen, wollte Jean Cayrol diese „Zeugnisse eines spirituellen Überlebenskampfes“ im Lager nicht als Gedichte bezeichnen.